Meditation

Weihnachten ist das Fest der Nähe. Lasst die Musik
unseres Schöpfers erklingen

In unserer Sprache lässt sich Nähe steigern:
nah, näher, am Nächsten.
Bei Menschen ist äußerste Nähe, wohl mit Liebe zu umschreiben. Sobald Menschen verliebt sind, entdecken und erfinden sie immer neue Varianten der Annäherung. Liebe ist nicht auf den körperlichen Bereich zu beschränken, sondern ist untrennbar mit der geistigen und seelischen Nähe verbunden. Liebe ist ganzheitlich; sie erfasst die ganze Existenz. Sie bringt gleichsam alle Saiten des menschlichen Instrumentes zu klingen. So ergibt sich eine Melodie, bei der das Dasein als Ganzes zu tönen beginnt. Die Nähe der Liebenden setzt voraus, dass in ihr gleichermaßen Seele, Geist und Körper zusammenklingen. Liebe bedarf der Zärtlichkeit, der konkreten Berührung. In Zeiten der Angst vor Infektionen, bekommen Berührungen einen ganz neuen Charakter. Handschlag und Umarmung sind nicht wie Nahrung und Atem, aber ohne sie, verhungern oder ersticken wir auch. Wer in die Aura der Zärtlichkeit eintaucht, der lebt freier und beschwingter. Er nimmt Anteil am Überfluss des Du, der sich überträgt. In solchen Augenblicken sind wir einander so nah wie sonst nie. Aber wie kommt es, dass solche Zärtlichkeit nicht vorhält? Dass sie plötzlich abbröckelt wie Farbe von einer Wand? Unablässig proben wir Formen der Nähe, ohne ihrer doch sicher zu sein. Intimität lässt sich nicht auf Dauer stellen. Sobald wir eine Stufe auf der Leiter der Nähe betreten, verlassen wir sie schon wieder, um eine andere zu erproben, die uns lockender oder verlässlicher scheint. Eine Beziehung, wie sie sich in der Liebe, auch in der Freundschaft ereignet, bleibt immer in Bewegung. Die Nähe ist kein Käscher, in dem man den anderen fangen kann. Sie lebt von der Freiheit. Davon, dass ich den anderen immer von neuem entbinde. Aus dem flüchtigsten und unberechenbarsten Stoff kristallisiert sich so die faszinierende Erscheinung des anderen. Wir erinnern ihn, wie nie zuvor. Im Zusammenspiel von Leib, Seele und Geist wächst für uns Nähe. In ihr eröffnet sich der Reichtum unseres Lebens. Das Wort Person (lat. persona) bezeichnete ursprünglich die Maske des Schauspielers, durch welche dessen Stimme hindurchtönt.
In der Nähe beginnen die Saiten des anderen in uns einen Resonanzraum zu finden und umgekehrt. Dass ein Mensch klingt, bleibt für uns eine eindrückliche Vorstellung. Die Person gibt Zeugnis von einer ursprünglichen Musikalität, für die sie angelegt wurdet. Aber die Harmonie, welche Leib, Seele und Geist eingehen, kann auf fatale Weise unterbrochen werden. Das geschieht, wenn die Nähe schwindet. Was ist, wenn Liebenden auf lange Zeit räumlich getrennt werden? Ersetzen Skyp, WhatsApp, Telefon usw. eine konkrete Nähe, die täglich eingeatmet wurde? Der Begriff „Erinnerung“ hilft uns hier weiter. Wenn wir einen geliebten Menschen intensiv erinnern, bedeutet dies nicht, dass wir lediglich verblassende Bilder von ihm an uns vorüberziehen lassen. Dies würde wohl kaum mit seiner Abwesenheit versöhnen. Jede starke Erinnerung, wie schon der Name sagt, „innert“ den Menschen oder bestimmte Ereignisse, das heißt sie verpflanzt diese ins Innere und verhilft ihnen zu einer neuen Wirklichkeit. Das betrifft übrigens nicht nur die vorübergehend Abwesenden, sondern auch die Toten. Hier wird andere Art Nähe erreicht. Ich bin Menschen begegnet, welche imstande waren, den Tod in der Erinnerung auszulöschen. Sie berichteten von Eltern oder Geschwistern, die sie schon vor Jahren zu Grabe trugen. Aber ihr Bericht rief die Verstorbenen als zeitlos Gegenwärtige ins Dasein zurück. Es wird als tröstlich erzählt, als eine innere Annäherung, bei der jede räumliche und zeitliche Ferne belanglos wird. Die Liebe schlägt Brücken, von deren Tragfähigkeit wir nur unzulängliche Vorstellung besitzen. Getrennte Liebende tauschen Signale miteinander und erleben trotz räumlichen Abstands geheimnisvolle Nähe.

Weihnachten ist in besonderer Weise das Fest der Nähe Gottes. Das Krippenkind knüpft an unserer Liebe zum Kind an. Welche eine verwandelnde Kraft hat ein Kind, das uns geboren wird. Ob als Vater oder Mutter, Geschwister oder Großeltern… Es geht uns nahe und verwandelt unsere Beziehungen untereinander nachhaltig. Und nicht nur seiner Bedürftigkeit, sondern auch seine Lebendigkeit stiftet eine besondere Nähe. Davon singen die Engel in der Weihnachtsgeschichte und hat Menschen seit Jahrhunderten immer wieder neu zu ganz persönlicher Musik ermuntert. Die menschlichen Harmonien mischen sich mit den himmlischen. In diesem Jahr ist das Weihnachtsfest in vielen Bereichen anders als in den Jahren zuvor. Die Gottes­dienste sind auf Abstand angewiesen und unserer Wissen um die Gefahr der Virenausbreitung, verhindert das gemeinsame Singen. Besuche sind in starkem Maße eingeschränkt. Wenn die Liebe unter uns groß ist, dann muss der äußere Abstand nicht zu einer inneren Distanz zum anderen Menschen werden.
Ich lade Sie ein, ein gutes Gespür dafür zu haben, was der andere braucht. Gott sucht die Nähe zu Dir und mir. Weihnachten ist nicht nur Erinnerung an ein einmaliges Ereignis, sondern es ist ein Bekenntnis zum Gott der Nähe und Liebe. Wir sind die beschenkten und können, wenn wir uns nicht verweigern, zu Gottes Krippe werden und den Lobpreis mit ganzem Körper, Seele und Geist anstimmen. 
Ein frohes und heilsames Weihnachtsfest wünscht Pfarrer Christian Dietrich 

sternstunden der menschlichkeit
 
die zarte Berührung
von Menschen zu Menschen
Funken springen über
und entzünden den Wir-Stern
 
die tiefe Sehnsucht
des Menschen nach Gott
mit Fingerspitzengefühl gemeinsam
das Sternbild der Hoffnung ertasten
 
die große Zuneigung
Gottes zu den Menschen
ein Kind ist uns geboren
Hand in Hand mit einem Stern
 
                                      Andreas Knapp